Tag Your City!

Der öffentliche Raum ist kein homogenes Gebilde, sondern setzt sich aus vielen heterogenen Bereichen zusammen. Diese Orte haben alle individuelle Charakteristika, welche sich aus ihrer Nutzung bestimmen oder eben von dieser bestimmt werden. Hier finden vielfältige Prozesse statt, in denen die Art der Nutzung und des Zugangs immer wieder neu ausgehandelt werden. Ob repräsentativer Platz oder improvisierter Skatepark, ob privat betriebener Flughafen oder öffentlicher Raum mit dem Recht auf Demonstrationen, ob abgeschottete Brachfläche oder experimentelles Gelände mit sozialer Nutzung, dass alles wird zumeist in komplexen gesellschaftlichen Prozessen bestimmt oder muss erst erkämpft werden. Der Zugang – auch im Sinne einer Entwicklung neuer/eigener Nutzungsmöglichkeiten – ist stets abhängig von den handelnden Akteur_innen.

Viele Orte sind für Menschen nicht diskriminierungsfrei zugänglich, weil dort bestimmte Formen von Ausschlußmechanismen wirken. Es gibt für die meisten Orte juristische oder soziale Normen, die festlegen, was dort erlaubt sein soll und was nicht. Diese spiegeln die in einer Gesellschaft verankerten Ressentiments und Diskriminierungen wider. In der aktuellen Situation erzeugen sie nur zu oft ökonomisch und rassistisch motivierte Formen von Ausgrenzung. Dies widerspricht dem Gedanken, dass der öffentliche Raum für alle Menschen zugänglich und nutzbar sein sollte. Hinzu kommt der im Rahmen des so genannten „Kampfes gegen den Terror“ verhängte Generalverdacht, der uns alle zu potenziellen Sicherheitsrisiken erklärt, welche im Auge behalten werden „müssen“.

Um die einmal definierten Normen durchzusetzen, werden verschiedene Mittel der Überwachung und Kontrolle sowohl von staatlichen Stellen als auch privaten Dienstleistern eingesetzt. Neben Wach- bzw. Streifengängen ist die Videoüberwachung eine der am häufigsten eingesetzten Methoden. Als mehr oder weniger offen sichtbare Überwachung soll sie abschreckend wirken und somit das Übertreten der gesetzten Normen auch präventiv verhindern. Eine Verhaltensanpassung der beobachteten Menschen ist oftmals die Folge, da bei Abweichung vom „erwarteten“ Verhalten Repressalien in Form von erniedrigenden Personenkontrollen bis hin zu Strafen drohen. Allein das diffuse Gefühl des ständig Beobachtetwerdens verhindert eine freie, selbstbestimmte Persönlichkeitsentfaltung an solchen Orten. Hinzu kommt, dass sich die Maßnahmen häufig gegen Minderheiten richten (z.B. Verdrängung finanziell benachteiligter Menschen wie Obdachloser aus den Innenstädten) und damit direkt diskriminierend wirken.

Ein wesentlicher, aber oft nicht berücksichtigter Aspekt der Videoüberwachung, ist der Sicherheitsmarkt. Videokameras werden gerne für unsere „eigene Sicherheit“ vermarktet. So ist beim Betreten von semiöffentliche Räumen wie Bahnhöfe, Flughäfen und Shoppingmalls das Schild: „Videoüberwacht! Zu ihrer Sicherheit“ nicht zu übersehen. Doch dahinter steckt eine breite Sicherheitsindustrie. Firmen wie das Fraunhofer Institut, IBM, SAP, PSI Transcom (um nur einige zu nennen) stecken Milliarden Euro in neue Forschungsprojekte, damit bei der jährlichen Futur Security Messe die neuste Technik als zwingend notwendig für die öffentliche Sicherheit angepreisen werden kann. In Berlin kostet die Videoüberwachung des ÖPNV jährlich 1,5 Millionen Euro. Dabei ist die flächendeckende Überwachung des U-Bahnhofes „Kottbusser Tor“ als so genanntes Modellprojekt noch gar nicht mit einberechnet.

Obwohl die Überwachungskameras meist gut sichtbar oder durch Hinweisschilder kenntlich gemacht sind, werden sie im hektischen Alltag von vielen Menschen kaum noch wahrgenommen oder einfach schlichtweg übersehen. Um diese Formen von Überwachung, Kontrolle und Diskriminierung wieder sichtbar(er) zu machen, rufen wir im Rahmen der NoCCTV-Aktionstage (08.06. bis 10.06.2012) dazu auf, die Zugangsbeschränkungen von Orten im öffentlichen Raum zu verdeutlichen, indem mensch beispielsweise die videoüberwachten Bereiche als solche taggt. Damit meinen wir die Kennzeichnung dieses Bereiches auf verschiedene Weisen.

Das Taggen von kontrollierten Räumen soll aber nicht auf Videoüberwachung beschränkt sein. Auch andere Bereiche, die normierte Räume darstellen, sollen mit dieser Aktion erfasst werden. So können Flughäfen als Ausgangspunkt für Abschiebungen oder Bahnhöfe als Orte rassistisch motivierter Personenkontrollen markiert werden. Um ein Bewusstsein für die jeweilige Thematik zu schaffen, könnt ihr zum Beispiel Kreide, Tape, Flatterband, Geräusche, Performances und vieles mehr nutzen.

Wenn möglich dokumentiert eure Aktionen mit Videos und/oder Fotos und schickt sie an

nocctvactiondays [at] riseup.net

oder die PrivacyBox https://privacybox.de/nineteeneightyfouractionday.msg des Bündnis. Sie werden dann auf der Seite http://1984actionday.wordpress.com veröffentlicht.

Anlässlich der Aktionstage gegen Viedoüberwachung sind in Berlin folgende Veranstaltungen geplant:

  • 5.6. Überwachungskritisches Sommerkino+Vokü, ab 21 Uhr im X-B-Liebig, Berlin-Friedrichshain
  • 8.6. Kameraspaziergang des Seminars für angewandte Unsicherheit (SaU), 16 Uhr, Treffpunkt: Boddinstr./ Ecke Hermannstr. (U8 Boddinstr.), Weitere Infos unter http://unsicherheit.tk/aktionen.php#kameras
  • 9.6. Videokundgebung gegen Videoüberwachung und soziale Kontrolle, ab 21:30 Uhr Hermannplatz (U7,U8), Berlin-Neukölln